JahresbedarfProzess
Jahresbedarf — in nordamerikanischen RFQs EAU (Estimated Annual Usage) genannt — bezeichnet die Gesamtzahl identischer Spritzgussteile, die ein Kunde innerhalb von 12 Monaten benötigt. Er ist die wichtigste Eingangsgröße zur Festlegung von Kavitätenzahl, Werkzeugklasse, Schließkraft und Ziel-cycle time in jedem Spritzgießprojekt.
In der Angebotsphase steuert der Jahresbedarf die gesamte Werkzeug-Ökonomie: Zahl der cavity-Nester, SPI-Werkzeugklasse (101–105), Schließkraftbedarf, Maschinengröße, Angusssystem (Kaltkanal vs Heißkanal) sowie die Werkzeugabschreibung im Teilepreis. Liegt der EAU um Faktor 2× daneben, ist das Werkzeug falsch dimensioniert — entweder überbaut und nie amortisiert oder unterdimensioniert und nach 18 Monaten zu ersetzen.
## Jahresbedarf vs EAU vs Lebensdauer-Volumen
Drei Kennzahlen werden in RFQs verwechselt und müssen klar getrennt sein:
| Begriff | Zeitfenster | Steuert |
|---|---|---|
| Jahresbedarf (EAU) | 12 Monate | Kavitätenzahl, Werkzeugklasse, Schließkraft, Maschinenwahl |
| Lebensdauer-Volumen | Programm-Laufzeit (3–7 J Industrie, 1–3 J Konsumgut) | Stahlhärte, Gesamtzyklen-Spezifikation |
| Losgröße / Auftrag | Pro Abruf | Bestand, Rüsthäufigkeit, Granulat-Bestellung |
Branchenregel: gilt Jahresbedarf × Programmjahre > 1.000.000 Zyklen, muss das Werkzeug SPI Class 101 sein (gehärteter Stahl, > 1 Mio. Zyklen). Unter 100.000 Gesamtzyklen reicht meist eine Class 104 oder sogar Prototyp-Class 105.
## Wie der Jahresbedarf die Kavitätenzahl bestimmt
Die klassische Kavitierungs-Formel nutzt den Jahresbedarf direkt:
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Kavitäten = (Jahresbedarf × Zykluszeit s) / (3600 × Jahres-Maschinenstunden × OEE)
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Rechenbeispiel — Jahresbedarf 1.200.000 Teile/Jahr, Zielzyklus 30 s, 5.000 produktive Maschinenstunden/Jahr, OEE 0,80:
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Kavitäten = (1.200.000 × 30) / (3.600 × 5.000 × 0,80) = 2,5 → auf 4-fach-Werkzeug aufrunden
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Aufgerundet wird auf den nächsten Werkzeugbau-Standard (1, 2, 4, 8, 16, 32, 48, 64, 96, 128) — wegen Layout-Symmetrie und balancierter Füllung. Höherer EAU rechtfertigt höhere Kavitierung, aber nur solange die Werkzeug-Amortisation noch trägt.
## Typische EAU-Bänder im Kunststoffbereich
| Jahresbedarf (EAU) | Typische Werkzeugentscheidung |
|---|---|
| < 1.000 Teile/Jahr | Prozess neu denken: 3D-Druck, CNC-Fräsen oder Vakuumguss sind oft günstiger als ein Werkzeug. |
| 1.000 – 10.000 | 1-fach-Aluminiumwerkzeug (SPI 105/104), Prototyp oder Brückenproduktion. |
| 10.000 – 100.000 | 1- oder 2-fach-P20-Stahlwerkzeug (SPI 103), Kaltkanal. |
| 100.000 – 1.000.000 | 2-, 4- oder 8-fach, gehärteter Stahl (SPI 102), oft Heißkanal. |
| > 1.000.000 | Hochkavitierung 16/32/48/64+, SPI 101 voll gehärtet, Heißkanal, Automation, ideal dedizierte Maschine. |
Die Bänder sind Richtwerte, aber in der Kalkulation weit verbreitet; der Break-even hängt von Teilegewicht, Granulatpreis und Zyklus ab.
## Jahresbedarf und Maschinenauswahl
Sind die Kavitäten fest, rechnet der Verarbeiter rückwärts zur Maschine. Die nötige Schließkraft ergibt sich aus projizierter Fläche (Teil + Anguss) × tonnage factor des Materials; gewählt wird eine Maschine mit mindestens dieser clamp force tonnage und passendem Schussvolumen (30–70 % des max. shot weight). Hoher EAU kann eine dedizierte Maschine 24/7 rechtfertigen; niedriger EAU bedeutet geteilte Maschine, was Rüstkosten erhöht und die effektive cycle time verlängert.
## Häufige Fehler bei der Angabe des Jahresbedarfs
- Spitzenmonat als Jahr verwechseln: Kunden geben mitunter den Peak-Monat × 12 als Jahresbedarf an. Immer die Saisonalitätskurve einfordern.
- Ausschuss und Farbwechsel vergessen: der reale Maschinenbedarf ist Kunden-EAU / (1 − Ausschuss − Bemusterung)`.
- Familie vs Einzeltyp ignorieren: Teilen sich zwei Teile design for manufacturing-Merkmale, kann ein Familienwerkzeug die Werkzeugkosten drastisch senken.
- Keine Hochlauf-Annahme: Eine 3-Jahres-Rampe von 200 k auf 800 k EAU verlangt ein anderes Werkzeug als 800 k flach ab Tag 1. Beide Szenarien anbieten.
## Verwandte Begriffe
Siehe auch: cavity, clamp force tonnage, cycle time, estimated tonnage required, injection molding machine imm, shot weight.
## FAQ
### Was bedeutet Jahresbedarf im Spritzguss?
Der Jahresbedarf ist die Zahl identischer Teile, die ein Kunde innerhalb von 12 Monaten benötigt. Er ist die Größe, mit der der Verarbeiter Kavitäten, SPI-Werkzeugklasse, Schließkraft und Zielzyklus dimensioniert.
### Was ist EAU im Kunststoff-Spritzguss?
EAU steht für Estimated Annual Usage — die nordamerikanische Bezeichnung für Jahresbedarf. EAU über 1.000.000 verlangt meist ein SPI-Class-101-Werkzeug; unter 100.000 reicht Class 103 oder 104.
### Wie berechne ich die Kavitätenzahl aus dem Jahresbedarf?
Multipliziere den Jahresbedarf mit der Zykluszeit in Sekunden und dividiere durch 3.600 × Jahres-Maschinenstunden × OEE. Aufrunden auf den nächsten Standard (1, 2, 4, 8, 16, 32, 48, 64).
### Was ist der Unterschied zwischen Jahresbedarf und Lebensdauer-Volumen?
Der Jahresbedarf umfasst 12 Monate und steuert Kavitäten, Schließkraft und Maschine. Das Lebensdauer-Volumen umfasst das ganze Programm (3–7 Jahre typisch) und steuert Stahlhärte und SPI-Klasse.
### Ist Jahresbedarf das Gleiche wie Forecast?
Fast. Ein Forecast ist eine probabilistische Schätzung über die Zeit; der Jahresbedarf ist die Punktgröße (oft Mittelwert), mit der das Werkzeug fest beauftragt wird. Gute RFQs liefern eine Low/Mid/High-Bandbreite, keine Einzelzahl.